Abstraktion begegnet Figuration No. 2

Dorothee Schraube-Löffler und Johannes Braig
Graf Zeppelin Haus, Friedrichshafen












Rede zur Ausstellungseröffnung von Andrea Dreher

Liebe Dorothee Schraube-Löffler, lieber Johannes, meine sehr verehrten Damen und Herren,
schon mehrfach haben Dorothee Schraube-Löffler und Johannes Braig miteinander ausgestellt, und parallel zu dieser Ausstellung zeigen die beiden ihre Arbeiten auch in getrennten Einzelausstellungen in Stuttgart und Leipzig. Die beiden sind fast schon ein eingespieltes Zwei-Generationen-Paar, auf Augenhöhe im künstlerischen Dialog, engagiert im Tun und anachronistische Akteure in einer digitalen Welt, die trotz aller technischen Errungenschaften nach Handgemachtem lechzt. Malen mache einfach Spaß, sagte mir Johannes Braig im Gespräch, und so macht er weiter, Kunstmarkt hin, Kunstmarkt her, denn sein Glaube an die Kraft der Kunst ist gesetzt.

Dorothee Schraube-Löffler ist nach einer langen Ehe mit dem Architekten Max Schraube seit zwei Jahren Witwe, und nach wie vor und umso mehr ist es das künstlerische Tun, was das Leben dieser Grande Dame der süddeutschen Kunstlandschaft bestimmt. Ob sie schneidet, faltet, vergoldet, malt, zeichnet, klebt oder webt … diese Frau ist die Verkörperung eines Menschen, der die Kunst lebt und der an die positive Kraft der Kunst glaubt.

Der Titel der Ausstellung kündigt eine Begegnung von Abstraktion und Figuration an. Mir gefällt dieses Substantiv Begegnung, denn Begegnungen sind nicht geplant, sondern sie passieren. Begegnungen ereignen sich spontan, sie sind nicht verbindlich wie eine Verabredung und nicht so abrupt wie ein Aufeinanderstoßen. Eine Begegnung kann flüchtig, aber genauso nachhaltig sein. Wenn sich Kunstwerke zweier Menschen begegnen, so werden immaterielle Brücken gebaut, denn Begegnungen beflügeln und setzen neue Kräfte frei!

Zunächst begegnen sich in dieser Ausstellung auch zwei Generationen. Johannes Braig ist ein 1960er Jahrgang, Dorothee Schraube-Löffler ein 1930er - aber in der Kunst ist der Jahrgang zweitrangig, denn es geht bei der Arbeit im Kunstbetrieb stets darum, eigenverantwortlich, diszipliniert und vor allem unbeirrt seinen Weg zu gehen, Moden auszuklammern, äußere Einflüsse abzuwägen und vor allem niemals den Glauben an das eigene Tun zu verlieren.

Johannes Braig und Dorothee Schraube-Löffler stehen stellvertretend für zwei Künstlerleben, die keine Kompromisse eingehen wollen und die keine Markt konforme Kunst produzieren, sondern sie arbeiten konzentriert, stetig und autonom.

Schon während seines Kunststudiums an der Hochschule der Künste Berlin als Meisterschüler bei Leiko Ikemura keimte in Johannes Braig die Lust, sich der weiblichen Figur zu widmen. Beeindruckt von großen Malern wie Matisse und Gauguin entdeckte er die Freude an figurativer Malerei, allein die Zeit und das Umfeld an der Akademie setzten damals andere Prioritäten. Da Braig seine Frauenbilder von Anfang an nicht als reine Aktmalerei verstand, sondern eher als eine Hommage an das Weibliche in der Welt, fehlte dem noch jungen Maler der Rückhalt für seine Motive und er begann ein Archiv aufzubauen, aus dem er erst Jahre später schöpfen sollte. Ein Leitgedanke für dieses künstlerische Archiv stammt von dem Maler Max Ernst, den Braig gern mit folgendem Satz zitiert: „Die Nacktheit des Weibes ist weiser als die Lehre des Philosophen“. Der vorübergehende Rückzug aus der Figuration und daraus resultierend die Suche nach einer neuen malerischer Positionierung führte Johannes Braig zur Abstraktion.

Braigs Bilder und Objekte leben von Farbe, ihre Bestimmung ist die subjektive Ausdrucksfarbe, mit dem Ziel, mittels Farbe möglichst große Autonomie für das Bild zu erzielen. Braigs Kunst entwickelte sich lange Jahre über die Farbe als Kompositionsprinzip, bis er eines Tages die Figur wieder entdeckte. Die Bilder des großen Francis Bacon waren mit ein Auslöser, dass Johannes Braig vor einigen Jahren den Mut fasste, Farbe und Figur miteinander zu verbinden. In seinem Archiv der „weiblichen Figur“ schlummerten zahllose Körper und schienen nur darauf gewartet zu haben, in imaginären Räumen ein malerisches Zuhause zu finden. Die Imagination dieser Räume erreichte Johannes Braig durch die konsequente Entscheidung für eine Hintergrundfarbe.

Der Reiz jener suggestiven großformatigen Farbflächen sei dem Zauber spätbarocker Farbigkeit geschuldet gewesen, so Johannes Braig. Seit vielen Jahren verzichtet der Maler übrigens bewusst auf die Entwicklung eines Bildraums mit Vorder- und Hintergrund, denn er fordert für sein künstlerisches Werk die Verselbständigung von Malerei ein, will sagen, Kunst solle niemals eine zweite Realität fingieren, sondern solle sich vielmehr als figurativ-gestischer Imperativ verstehen.

In seinen hier ausgestellten neuen Arbeiten blicken wir auf Köpfe, maskenhafte Fratzen, Grotesken, wir sehen stiere Blicke, glotzend gaffende Wesen, großformatig und durchaus irritierend. „Wenn ich vernünftig wäre, würde ich nur noch kleine Formate malen“, sagte er im Gespräch. Aber nein, er will nicht vernünftig sein, sondern fuhr nach Madrid in den Prado, stand vor opulenten Barock-Porträts und beschloss, auf diese malerischen Vorbilder in seiner ihm eigenen Bildsprache im selben Format zu reagieren (Nr. 30) . Diesen Adaptionen an barocke Bildnisse hat sich noch eine weitere Leidenschaft dazugesellt, nämlich Comics wie Southpark, American Dad, Zombies in Manhattan etc.. Johannes Braig erfindet in seinen Bildern Typen, deren Wesen sich uns Betrachtern nicht wirklich erschließen. Ist es Mensch, ist es Tier, ist es Symbol, oder sehen wir einfach nur „Opfer kaputter Dialoge“, so Johannes Braig. Denn sein Vorwurf an uns Zeitgenossen lautet, nicht mehr richtig sehen zu können, weswegen er seine Malerei auch als eine Art friedliche, aber durchaus subversive Waffe sieht, um gegen die Verrohung, Verdummung und Ästhetisierung dieser Welt proaktiv vorzugehen.
In der Begegnung mit den Arbeiten von Dorothee Schraube-Löffler bekommen  Braigs Bilder die nötige Luft zum Atmen und einen ausgleichenden künstlerischen Gegenpart, ohne sich jemals in eine Konkurrenzsituation zu begeben.

Denn auf ein Kräftemessen wollen sich diese beiden nicht einlassen! Dorothee Schraube-Löffler blickt auf ein Leben zurück, das sich mitunter wie aus einem kunsthistorischen Lehrbuch liest. Ihre Kindheit verbrachte sie in Oberlenningen nahe Kirchheim / Teck, wo sie im Jahr 1950 als einziges Mädchen Abitur gemacht hat. Ihr Vater, Ingenieur in einer Papierfabrik, war ein kunstinteressierter und künstlerisch begabter Mann, der während des Krieges in den 1940er Jahren die beiden vom Hitler-Regime verfemten Künstler Willi Baumeister und Oskar Schlemmer heimlich mit Papier versorgte, was seine Tochter Dorothee am Rande mit bekam. Zwar hatte sie ursprünglich den Wunsch, Medizin zu studieren, aber die begehrten Medizin-Studienplätze waren damals zunächst den Kriegsheimkehrern vorbehalten. So eröffnete die Abiturientin Dorothee ihrer verwitweten Mutter, sie wolle nun Kunst studieren. Diese Entscheidung traf zunächst auf wenig Begeisterung, aber als Willi Baumeister der Mutter erklärte, dass das Studium des Textildesigns an der Stuttgarter Akademie sehr anerkannt sei und eine gute berufliche Zukunft verspreche, waren die Wogen wieder geglättet. Dieser Empfehlung folgend studierte die junge Dorothee Löffler und bei Prof. Harni Ruland Textildesign und bei Prof. Willi Baumeister Malerei. Dank eines Stipendiums verbrachte sie das Jahr 1953 in Paris an der Academie des „Beaux Arts“, was einen ersten spannenden Höhepunkt im Leben der selbstbewussten angehenden Textildesignerin darstellte.

Im Baienfurter Wohnzimmer der Künstlerin hängt noch ein Webteppich aus der Akademiezeit, der die Kraft jener Jahre der aufbrechenden Moderne atmet. Dorothee Schraube-Löffler war während ihres Studiums unmittelbar in die Stuttgarter Kunstszene der Nachkriegszeit involviert. Sie entdeckte die Moderne, und wie andere Junge hatte auch sie den Mut, nach vorne zu blicken und die -Ismen und den Muff der Vergangenheit  in die Schubladen zu verbannen. Diesem Webteppich lag im Übrigen ein gemaltes Bild zugrunde, das im Kurs von Willi Baumeister entstanden war. Der Professor erkannte sehr früh die Begabung Dorothee Löfflers im Umgang mit Stoffen und Material. So riet er ihr „Mädle, web dein Bild, dann ist es noch stärker“. Ein sehr überzeugendes neueres Webbild sehen wir auch in der aktuellen Ausstellung.

Wir sehen in dieser Ausstellung viele Werke, in denen das Thema Blattgold dominiert. „Das Gold war auf einmal da“, sagt sie, und in der Verbindung des Goldes mit „einfachen“ Materialien wie Wellpappe, Stoff und Naturmaterialien entwickeln die Arbeiten von Frau Schraube-Löffler eine malerische Qualität, die erst im Spiel mit Licht und Schatten ihre Wirkung entfalten. In der christlichen Malerei war der Goldgrund seit dem 4. Jahrhundert bis zum Ende des Mittelalters üblicher Hintergrund von Heiligendarstellungen. Erst um 1500, mit der Entdeckung der Perspektive, verschwand der raumlose, goldene Flächengrund. Der Weg vom punzierten Goldhintergrund einer frühmittelalterlichen Madonnen- oder Heiligendarstellung  zu einem freien Umgang der Farbe Gold, wie wir sie heute hier sehen können, war ein langer und sehr bedeutungsvoller.

Dorothee Schraube-Löffler kennt diesen historischen Kontext und selbstbewusst experimentiert sie unaufhörlich mit der sog. Freiheit der Farbe Gold. So untersucht sie in ihrem Werk das Wechselspiel von Weißgold, Grüngold und Gelbgold, mal lässt sie dem Blattgold mehr Materialcharakter auf der Arbeit, mal überpinselt sie die Blättchen, um die Monochromie und Wirkung der Farbe in den Mittelpunkt der Arbeit zu rücken. Gold ist nie Gold, es wechselt mit jedem Licht seine Aura und lässt jedem Kunstwerk sein Geheimnis. Gold ist auf jeden Fall immer ein besonders anspruchsvoller Lichtträger, denn „Die Lichtwirkung ist mir ganz wichtig“, sagte die Künstlerin mehrfach in unseren Gesprächen.

Wenn Dorothee Schraube-Löffler zur Farbe, z.B. zum Blau, greift, tut sie dies ganz entschieden und souverän. Von Cézanne ist folgender Satz überliefert, der sich wie ein Kommentar zu ihren Arbeiten liest: “Die Natur, ich habe sie kopieren wollen, es gelang mir nicht, aber ich war mit mir zufrieden, als ich entdeckt hatte, daß die Sonne sich nicht darstellen läßt, sondern daß man sie repräsentieren muß durch etwas anderes, durch die Farbe". Ebenso klar wie ihre Farbwahl und ihre Verwendung von Material ist bei Dorothee Schraube-Löffler die Bevorzugung des Quadrats als Bildträger. Beim Quadrat gibt es kein Konkurrieren der Seitenlängen um das Hoch-oder Querformat, im Quadrat sind Farbe und Fläche gleichberechtigt vertreten. Dem Quadrat liegt eine Ruhe zugrunde, die sich vom Format über die Farbe auf den Betrachter überträgt. Im Quadrat liegt höchstmögliche Konzentration gespeichert; so war es nicht per Zufall ein schwarzes Quadrat, mit dem Kasimir Malewitsch den Kunstbegriff der Moderne radikal veränderte.

Die formalen Kriterien und der kompositorische Aufbau eines Kunstwerks sind für Dorothee Schraube-Löffler seit ihrem Studium bei Willi Baumeister unverrückbare Paradigmen für ihr Kunstschaffen. „Es ist fertig, wenn ich formal zufrieden bin“, sagte sie im Gespräch. Ihre meist quadratischen Formate sind daher von großer formaler Strenge und von einer besonderen Konzentration auf Strukturen geprägt. Jedes Werk, ob im großen Format oder als Miniatur, ist stets Teil einer Serie, die im Zusammenspiel an der Wand ihre Poesie entfaltet.

Es sei die Liebe zum Ornament, welche seine Arbeiten und die von Dorothee Schraube-Löffler verbinde, so Braig. Während er sich eher in der katholisch-weltlichen Tradition verhaftet fühle, verkörpere seine Kollegin die protestantische Sicht und lebe Bauhaus-Ideen weiter.

Barock versus Bauhaus, wer ist hier der alte und wer der junge?
Gold gegen Farbe, wer ist hier sakral und wer profan?
Zeitlos oder zeitnah, wer ist hier der nachhaltigere?
Groß gegen klein, wer hat hier die größere Schlagkraft?

Ja, an dieser Begegnung dieser beiden Künstlerwelten kann man sich durchaus reiben, denn im Hin und Her zwischen Gold und Fratze oder zwischen Blau und Körper werden durchaus Stresshormone freigesetzt, die uns diesen Rundgang durch diese Ausstellung weniger erleichtern, sondern in einen veritablen Parforceritt durch die Welt der Oberflächen, Strukturen, Linien und Pinselstriche verwandeln. In seinem Buch „So geht Kunst“ schriebt das Enfant terrible der zeitgenössischen britischen Kunstszene Grayson Perry folgendes: „Manchmal habe ich das Gefühl, eines der Dinge, das etwas als Kunst definiert, ist, dass es ziemlich langweilig ist: Es hat wenig Unterhaltungswert, macht wenig Vergnügen. Ich glaube, im zeitgenössischen Umfeld ist einer der beleidigendsten Begriffe zur Beschreibung eines Kunstwerks ‚dekorativ‘. Aber dekorativ zu sein, ist etwas sehr Nobles. Und dieser Gedanke, Kunst sein nicht vergnüglich, ist falsch.

Leo Tolstoi schrieb: ‚Um die Kunst genau zu definieren, muss man vor allen Dingen aufhören, sie als Mittel zum Genuss zu betrachten, dagegen muss man in der Kunst eine der Bedingungen des menschlichen Lebens sehen‘.“ Dieses doppelte Tolstoi-Perry-Zitat scheint der ideale Epilog für eine Ausstellung zu sein, deren Begegnung nämlich genau darauf abzielt, Bedingungen menschlichen Lebens in Farbe und Form zu formulieren.
Danke.